Nathan und die Wölfe von Eisenstadt

Ein erster Schritt zu einer längst fälligen Biografie der Familie Wolf

Auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts, dem älteren und dem jüngeren, liegen mehr als 40 Familienangehörige der Familie Wolf begraben, wenn nur die engsten Angehörigen gezählt werden. Nehmen wir Schwiegerkinder und -eltern, Tanten, Onkel, Schwäger und Schwägerinnen usw. dazu, kommen wir auf weit mehr als 100 Gräber. Dass die Wurzeln der Familie bis in die Wiener Gemeinde zurückverfolgbar sind, wurde hier im Blog schon abgehandelt.

Das Österreichische Jüdische Museum befindet sich im sogenannten Wertheimerhaus, das 1875 von der Familie Wolf gekauft und zum Firmensitz der 1790 gegründeten „Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ wurde, wie schon Bernhard Wachstein 1922 anmerkte:

Die Bürolokalitäten des Hauptsitzes der Firma in Eisenstadt befinden sich jetzt in dem von Simson Wertheimer erbauten Hause, das seit 1875 im Besitze der Firma ist. …

Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, Anm. 1, Seite 286f

'Weinhandlung Leopold Wolf's Söhne', heute jüdisches Museum Eisenstadt

„Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“, heute jüdisches Museum Eisenstadt


Es ist schon erstaunlich, dass es bis zum heutigen Tag keine gründliche Biografie über die mittlerweile weltweit verzweigte Familie Wolf oder zumindest über die Generationen der Familie, die Eisenstadt und weite Regionen des heutigen Burgenlandes bis 1938 maßgeblich prägten, gibt. Richard Berczeller hat die Familie Wolf immerhin als „burgenländische Rothschilds“ bezeichnet. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass Ernst Wolf, Sohn von Adolf Wolf (dort mehr Informationen über Ernst Wolf), 1924 im Eigenverlag das hier oft zitierte Buch „Die Familie Wolf“ herausgegeben hat, in dem er im Vorwort erst aus den Memoiren der Glückel von Hameln (1645-1724) zitiert:

Meine lieben Kinder, ich schreibe Euch dieses, damit, wenn heute oder morgen Eure lieben Kinder oder Enkel kommen und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit Ihr wisst, von was für Leuten Ihr her seid.

und schreibt weiter:

… will ich als ältester Enkel in der männlichen Linie ein Familienregister der Nachkommen unseres Großvaters Leopold Wolf und seiner Gattin Rosa, geb. Spitzer aufstellen und in Druck legen lassen.
Es ist in der heutigen Zeit, in der man uns als Fremde und Zugewanderte anfeindet, von sehr großer Bedeutung, dass wir unsere Bodenständigkeit in Mitteleuropa durch drei Jahrhunderte nachweisen können. Wir haben eine Reihe von bedeutenden Ahnen und auch diejenigen unter uns, die aus Mischehen stammen, können auf diese Vorfahren mit Stolz zurückblicken.

Die Worte haben wohl heute dieselbe Gültigkeit, nur dass es bald vier Jahrhunderte sind … die Arbeit von Ernst Wolf wurde jedenfalls nie wirklich ernsthaft fortgeführt. Ernst Wolfs z.T. akribisch erstellte Stammbäume und Kurzbiografien dürfen auch heute als Standardwerk oder zumindest als Basis für alle weiterführenden biografischen Arbeiten über die Familie Wolf gelten.
Dass Ernst Wolf bei den biografischen Angaben doch manch Fehler unterlaufen ist, dürfte daran liegen, dass er nicht selbst recherchiert hat, sondern im März 1923 an seine Verwandten die Bitte richtet, ihm Daten (Nachkommentafeln, Reproduktionen von Familienbildern etc.) zukommen zu lassen. Dass er die Daten nicht überprüfte, sollte ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zweck seines Buches und vor allem sein Zielpublikum waren andere – Ich übergebe dieses Werk meinen lieben Verwandten…. -, als bei wissenschaftlichen Publikationen.

Die „Söhne“

Wer sind aber nun genau die „Söhne“ in „Leopold Wolf’s Söhne“? Leopold Wolf, gest. 11. Jänner 1866, hatte 2 Söhne: Adolf, der 2 Söhne hatte (Ernst und Leopold), und Ignaz, der sieben Töchter und ebenfalls zwei Söhne hatte: Leopold und das wohl bekannteste und berühmteste Familienmitglied: Sohn Alexander, der sich selbst (ung.) Sandor nannte.

Noch erstaunlicher als das Fehlen einer Biografie allerdings und auch ein wenig ärgerlich ist aber, dass die spärlichen Informationen, die wir über die Familie finden, nicht nur lücken-, sondern oft auch fehlerhaft sind und viele Fragen offen bleiben.
Das beginnt damit, dass wir 3 verschiedene Geburtsdaten für Ignaz Wolf finden, beim Geburtsdatum seiner Ehefrau Hermine Neubrunn sich zwischen dem Datum am Grabstein und jenem im Geburtsmatrikeneintrag von Trenčín in der Westslowakei eine Differenz von mehr als 2 Monaten auftut, dass Adolf Wolf laut Geburtsmatriken eigentlich Arnold Adolf heißt und dass wir für zumindest 2 Töchter von Ignaz Wolf verschiedene Vornamen finden (Adele/Adelheid und Kathi/Gisela) oder dass Tochter Helenes Geburtsdatum gar um ein ganzes Jahr abweicht… Selbstredend schwerwiegender: dass es nahezu keine detaillierteren Informationen über die enorme wirtschaftliche Bedeutung des Wolf’schen Imperiums gibt.

Nathan Alexander/Sándor Wolf

Insbesondere sind auch die verfügbaren Informationen über die herausragendste Persönlichkeit der Familie, Alexander/Sándor Wolf, das 6. Kind von Ignaz und Hermine Wolf, ausgesprochen mager und z.T. schlicht falsch:

So finden wir sowohl in der gedruckten Literatur als auch online hundertfach das Geburtsdatum 21. Dezember 1871 für Alexander/Sándor Wolf, auch auf Dokumenten, für die er offensichtlich selbst seine Daten zur Verfügung stellte, wie etwa den Nationale-Dokumenten der Universität Wien, wo sich im Gedenkbuch auch eine ausführlichere Biografie findet.

In den Geburtsmatriken allerdings – hat sich niemand die Mühe gemacht, Originalquellen anzusehen? – finden wir nur einen Eintrag vom 30. Dezember 1871 mit Geburt Nathan Wolf (s.u.)!, Vater: Ignaz Wolf, Mutter: Hermine Neubrunn! Entweder das tradierte Geburtsdatum 21. Dezember ist falsch, oder aber – wohl wahrscheinlicher – in den Matriken wurde das Beschneidungsdatum anstatt des Geburtsdatums eingetragen?

Der jüdische Name „Nathan“ von Alexander/Sándor Wolf ist – verwunderlich genug – bis dato offenbar völlig unbekannt, außer auf einigen privaten genealogischen Einträgen (und dort „Nathanel„) ist er nirgends zu finden.


Matriken Geburt Nathan

Matriken Geburt (?) Nathan


Alexander/Sándor (Nathan) Wolf war – in fast unzulässiger Kürze aufgezählt – Weinhändler, Kunstsammler und Forscher, ehrenamtlicher Landeskonservator für das Burgenland, 1926 Mitgründer des Burgenländischen Landesmuseums, Initiator für das jüdische Zentralarchiv für das Burgenland, Publizist, Mitglied unzähliger Gesellschaften und Vereine für Kunst und Kultur, Geschichte, Volkskunde, moderne Kunst etc., Zionist.
Sándor Wolf, neben seinem enormen wirtschaftlichen Einfluss vor allem ein kunstsinniger und feinsinniger Humanist, ein bedeutender Sammler und Mäzen, dessen Haus ein beliebter Treffpunkt für das Who-is-who der damaligen Kunst- und Kulturszene war. Zu seinen Gästen gehörten z.B. die Schriftsteller Anton Wildgans, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel oder Felix Salten und die Musiker Wilhelm Kienzl, Edmund Eysler und Anton von Webern.

Exkurs: Lucie Rie

Wenig verwunderlich, dass Sándor Wolf auch ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Nichte Lucie Marie hatte, die am 16. März 1902 als Tochter von Sándors Schwester Kathi (Gisela) Wolf und Prof. Dr. Benjamin Gomperz geboren wurde und später als Keramikerin unter dem Namen Lucie Rie weltbekannt wird (geh. am 07. September 1926 im Stadttempel Wien Hans Rie). Sie starb am 01. April 1995 in London. Lucie war in ihrer Jugendzeit vor allem von den römischen Keramikobjekten in der Sammlung ihres Onkels beeindruckt und später in ihrem Werk beeinflußt. Der sehr enge Kontakt zwischen Nichte und Onkel zeigt sich auch darin, dass Sándor Wolf mit Lucie 1922 eine Reise in die wichtigen italienischen Städte, 1924 eine Reise nach Frankreich unternahm und einige Tage in Monaco verbrachte. Auch noch aus seiner Zeit in Palästina sind uns viele Briefe von Sándor Wolf an Lucie Rie erhalten.

Lucie Rie beauftragte 1928 den erst 25-jährigen Architekten Ernst Plischke mit der Einrichtung ihrer Wohnung in der Wollzeile in Wien, was für Plischke den Karrierestart bedeutete. Seit 1999 ist die Wohnung als Gesamtrekonstruktion im Hofmobiliendepot zu sehen. „Sie ist ein Highlight der österreichischen Wohnkultur zwischen den Kriegen und erinnert an die Freundschaft zweier österreichischer Künstler, die in der Emigration eine Weltkarriere gemacht haben“ (siehe „Die Wohnung Lucie Rie von Ernst Plischke“, von Eva B. Ottilinger, Seite 53 (*.pdf). In Tony Birks: Vienna and Eisenstadt. In: ders.: Lucie Rie. Reprint. Yeovil 1995. S. 9-15, gibt Lucie Rie einen Einblick in ihre Zeit in Eisenstadt bei der Wolf-Familie (s. dazu bes. auch The Lucie Rie Archive at the Crafts Study Centre, Sektion 3 und 5, mit Fotos aus der Zeit).

Frieda Löwy-Wolf und das Erbe ihres Bruders Sándor

Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes im Frühjahr 1939 über Triest nach Palästina fliehen und starb am 02. Jänner 1946 in Haifa. Wenige Monate davor hatte er in einem Brief seinen Verwandten mitgeteilt, dass er einen neuen Anfang in Eisenstadt für unmöglich und sinnlos hält:

… mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat ….

Nur am Rande angemerkt sei: Dies ist wohl der deutlichste Beleg dafür, dass Sándor Wolf in Haifa keinesfalls „inmitten seiner Reisevorbereitungen für eine Rückkehr nach Eisenstadt“ starb, wie wir in der Wikipedia leider lesen (die Fußnote führt übrigens zur Anmerkung „Beleg fehlt“)… aber in diesem sehr dünnen und aus wissenschaftlicher Sicht fast fahrlässigen Artikel wird auch das Gebäude, in dem heute unser jüdisches Museum untergebracht ist und das jahrzehntelang der Verwaltungssitz der „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ war, mit keinem Wort erwähnt.

Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte Sándor Wolf am Standort des heutigen Landesmuseums, gleich neben unserem Haus, sein Wolf-Museum errichtet, mehr dazu in unserem Blogartikel „Ein entzückendes kleines Barockpalais„.

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf erbte nach dem Tod von Bruder Sándor (s.u.) dessen Kunstsammlung mit immerhin 26.000 Kunstobjekten, darunter ein beträchtlicher Teil Judaica. Die Republik Österreich war nicht bereit, die Kaufsumme von 1.100.000 öS aufzubringen, ein kleiner Teil wurde vom Amt der Burgenländischen Landesregierung angekauft, der größte Teil wurde 1958 von der Galerie Fischer in Luzern versteigert.

Frieda Löwy-Wolf war es auch, die am 13. März 1946, etwas mehr als 2 Monate nach dem Tod ihres Bruders Sándor, in Haifa an Freunde in Europa schrieb:

Mein geliebter Bruder Sándor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank, und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. … Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam um wenige Tage zu spät.
Er hatte ein schönes reiches Leben, und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben.


Der Artikel eröffnet eine Beitragsserie zur Familie Wolf, die Sie mit dem Schlagwort „wolf“ abrufen können (selbstverständlich wurden auch ältere Beiträge zum Thema „Familie Wolf“ mit aufgenommen).

PS: Wer noch mehr erfahren möchte, findet ausführliche Informationen (mit Bildern von den Matrikeneinträgen und weiteren Fotos) bei den online gestellten Grabsteinen.

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Ein Revoluzzer

Als ich vor einiger Zeit den Grabstein des Ignaz Fischer, gestorben am 15. Februar 1923, online stellte, erinnerte ich mich, dass ich mich schon vor 20 Jahren wunderte, warum der Sohn des Rabbiners von Stuhlweißenburg (ung. Székesfehérvár) und Schwager des Eisenstädter Oberrabbiners eine auffällig kurze, fast lieblos-redundanzlose und ganz offensichtlich ohne jegliches Engagement geschriebene Grabinschrift hat und außerdem weit abseits seiner Verwandten, sozusagen im hintersten Eck des Friedhofes, begraben wurde?

Und auch diesmal wunderte ich mich wieder, fand aber zunächst keine Erklärung … bis jetzt: Denn in der „Burgenländischen Freiheit„, der Zeitung der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes, die – nach Anlaufschwierigkeiten – erstmals am 19. November 1921 erschien, finden wir einen höchst aufschlussreichen Bericht (beachtenswert der nicht nur im vorliegenden Artikel zu findende höchst flapsig-aggressive Stil und die zur Schau getragene Ideologie – s. etwa die Überschrift in Klammern):

Eisenstadt-Unterberg (Juden als Christlich-Soziale)

In unserer Gemeinde ereignete sich vergangene Woche ein äußerst interessanter Todesfall. Es starb der Oberbuchhalter der Firma Leopold Wolf und Söhne, Ignaz Fischer, der in seinem Testament den Wunsch äußerte, in das nächstgelegene Krematorium zwecks Verbrennung seiner Leiche überführt zu werden. Vorher wünschte er noch, dass sein Herz durchbohrt werde. Es kamen von Wien die streng orthodoxen Verwandten des Verstorbenen, die mit Hilfe einiger Mitglieder des Eisenstädter Chevra-Kadisha Vereines, um mit dem durch den Verstorbenen ernannten Testamentsvollstrecker Dr. Halasz und allen möglichen Mitteln die zur Leichenverbrennung und zum Durchbohren des Herzens getroffenen Verfügungen zu vereiteln. Wir sind überzeugt davon, dass diese Herren die übrigen testamentarischen Willensäußerungen des Verstorbenen nicht antasten werden, da diese die Verteilung seines Vermögens unter den Verwandten bestimmen. Hier wird sicher der letzte heilige Wunsch berücksichtigt werden. Wo es sich um die eigene Tasche handelt, dort wird sicher nicht gesagt werden, dass das Testament ungültig ist, weil es durch Zeugen nicht gezeichnet wurde! Die Leiche wurde natürlich begraben, als Hohn auf die Demokratie, denn wir glauben, wenn man nicht einmal über den eigenen Körper verfügen kann, so hört sich eben jede Demokratie auf. Der Verstorbene war in seinem ganzen Leben ein überzeugter Freidenker und wollte durch die oben erwähnten Wünsche seinen Angehörigen zeigen, dass seine durch sein ganzes Leben so oft bekundete Überzeugung keine leere Rede war.

BF, 2. März 1923, 3. Jahrgang, Seite 3

Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler, die das Fundstück entdeckte!

PS: Mit dem Oberbuchhalter der Firma „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ eröffnen wir eine kleine Artikelserie über die Familie Wolf, in Kürze lesen Sie hier mehr über die „Söhne“ von Leopold Wolf …

PPS: Assoziationen des von mir für diesen Artikel gewählten Titels „Ein Revoluzzer“ mit Erich Mühsam und der BF sind selbstverständlich nicht beabsichtigt!


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Shalom Eisenstadt

Die KBB – Kultur-Betriebe Burgenland und das Österreichische Jüdische Museum laden herzlich ein zur Konzertmatinee

Shalom Eisenstadt

Der Wiener Jüdische Chor mit seinem neuen Programm

sowie zur Präsentation der ORF-Dokumentation

Verlorene Heimat – Eine Annäherung

am Sonntag, 28. Mai 2017, 11.00 Uhr

Kulturzentrum Eisenstadt (KUZ)
Franz Schubert-Platz 6 | 7000 Eisenstadt

Kartenpreis zwischen 19 und 29 Euro, direkt beim KUZ und bei Ö-Ticket:

Für Erfrischungen sorgt das Buffet im KUZ


Der Wiener Jüdische Chor - © Meloni

Der Wiener Jüdische Chor – © Meloni


Der Wiener Jüdische Chor mit seinem neuen Programm im Kulturzentrum Eisenstadt

In einer schwungvollen Matinee stellt sich der Wiener Jüdische Chor erstmals dem Eisenstädter Publikum vor.

Uns ist es ein besonderes Anliegen unsere Musik ins Burgenland zu bringen, weil gerade dieses Bundesland mit seinen weltberühmten sieben jüdischen Gemeinden große Bedeutung für das Judentum hat,

sagt der künstlerische Leiter Roman Grinberg.

Das eigens für diesen Anlass zusammengestellte Programm trägt den Titel „Shalom Eisenstadt“ und zeigt das schier grenzenlose Spektrum der jüdischen Musik. Der Chor bringt Volkslieder aus dem osteuropäischen Schtetl, Friedenslieder aus Israel, chassidische Melodien, liturgische Gesänge und heiße Rhythmen aus dem Jemen und aus Spanien. Natürlich dürfen auch beliebte Schlager aus dem Yiddish Theatre New York nicht fehlen.

Als Chor wollen wir die jüdischen Liedtradition wieder mit neuem Leben erfüllen,

sagt Chorpräsident Florian Pollack, „und diese Tradition ist mit dem Burgenland eng verbunden“.

Präsentation einer ORF-Doku im Rahmen des Konzerts

Jüdisches Leben hat im Burgenland tiefe Wurzeln. Jahrhundertelang haben jüdische Handwerker, Geschäftsleute, Lehrer, Rabbiner und Ärzte mit ihren Familien in burgenländischen Städten und Dörfern gelebt, gearbeitet – und auch musiziert.
Die Erinnerung an diese jüdischen Gemeinden lebt auch 70 Jahre nach ihrer Auslöschung durch den Nazi-Terror weiter. Im Rahmen der Matinee wird ORF-Journalist Erich Schneller seine Dokumentation „Verlorene Heimat – Eine Annäherung“ präsentieren, für die er sich auf die Spuren jüdischen Lebens im Burgenland begeben hat.

Musik mit „Harz un Gefil“

Der Wiener Jüdische Chor ist eigentlich ein Volksliedchor: Über Generationen weitergegebene Lieder, die mit dem europäischen Judentum beinahe untergegangen wären, erfüllen wir auf der Bühne und mit CDs mit neuem Leben und zeigen so, dass jüdische Musik in der reichen Wiener Kulturszene von heute wieder ihren festen Platz hat.
Die traditionellen Lieder, die wir singen, werden von unserem Chorleiter Roman Grinberg neu arrangiert und damit ins 21. Jahrhundert „transponiert“. Mit Eigenkompositionen, die vom Publikum begeistert aufgenommen werden, entwickelt Grinberg das jüdische Liedgut laufend weiter.

Brückenschlag zwischen den Kulturen

Neben der Wiederbelebung des jüdischen Liedguts trägt der Wiener Jüdische Chor seit seiner Gründung 1989 zur interkulturellen Verständigung bei. Wir sind kein „koscherer“ Chor: Bei uns bilden jüdische und nicht-jüdische Frauen und Männer in den Stimmlagen Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor, Bariton und Bass mitreißende und berührende Harmonien – in der Musik sowie im menschlichen Miteinander.
Und auch die Herkunftsländer unserer Mitglieder sind gemischt: Neben gebürtigen Österreicherinnen und Österreichern singen Mitglieder, die aus der Ukraine, Moldau, Großbritannien, Belgien und sogar Japan und Australien stammen. Mitsingen darf bei uns jeder, der versteht, was mit „harz un gefil“ gemeint ist und ganz natürlich den richtigen Ton trifft.

Roman Grinberg: Ein Leben für die jüdische Musik

Wie kein anderer prägt Roman Grinberg die jüdische Musikszene in Wien. Seit über 30 Jahren ist er hier an der Spitze des jüdischen Kulturlebens tätig. Ob jüdische Hochzeit oder Klezmer-Konzert, internationale Festivalbühne oder Theater, als Solist, mit der eigenen Band, als musikalischer Leiter oder als Dirigent des Wiener Jüdischen Chors – Roman Grinberg hat seine berufliche Lebensaufgabe in der Erhaltung, Pflege und Verbreitung der jüdischen Musik gefunden.


Rückfragen

Mag. Florian Pollack, Chorleiter des Wiener Jüdischen Chores


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פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Links zum Projekt

Das Projekt – Entstehen und Ziel

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt



Nach dem großen Projekt im Jahr 2015, den älteren jüdischen Friedhof vollständig aufzuarbeiten, soll nun der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt ebenfalls digital editiert werden.

Die Schändung des Friedhofes 1992

Im Herbst 1992 erfuhr der jüngere Friedhof traurige Berühmtheit, als etwa 80 Steine geschändet und mit Naziparolen beschmiert wurden. Die Tatsache, dass die mit so viel Liebe und oft so großer Weisheit geschriebenen Inschriften durch diese grässlichen, primitiven und menschenverachtenden Parolen „überschrieben/übermalt“ wurden, führte damals zu meiner Entscheidung, alle Inschriften auszulesen, zu übersetzen sowie zu kommentieren und die Texte damit für die Nachwelt nachhaltig zu sichern.
1995 erschien die vollständige Aufarbeitung dieses Friedhofs in Buchform.

  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992
  • Schändung des jüngeren jüdischen Friedhofs Eisenstadt am 31. Oktober 1992



Die digitale Edition ist – nach 20 Jahren – nun einerseits der Zeit geschuldet, ist aber andererseits auch eine erweiterte und (teils notwendig gewordene) verbesserte und ergänzte Publikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Schließlich sollen – wie schon am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt – alle Grabsteine auch physisch mit der seit der Printpublikation existierenden Standortnummer sowie mit QR-Code versehen werden. Dies ermöglicht, jede/n Begrabene/n sicher zu finden.

Der Status Quo – eine Katastrophe

Gleich vorweg: Es ist erschütternd, in welch traurigem und beschämenden Zustand sich der jüngere jüdische Friedhof heute befindet, v.a. gemessen am Zustand zwischen 1992 und 1995, als unsere o.g. Publikation über diesen Friedhof entstand (bei fast jedem Grabstein wird auch ein Foto, das zwischen 1993 und 1995 entstand, publiziert).

Die wohl berechtigte Frage lautet: Wie es ist es möglich, dass Grabsteine 120 Jahre und mehr in gutem, teils sehr gutem Zustand überlebten, die Inschriften gut lesbar erhalten blieben und in knapp 20 Jahren der Verfall eklatant ist: Auffällig viele Grabsteine sind in dieser kurzen Zeit zerbrochen, aus der Erde gerissen/gehoben, in die Erde (fast) versunken, umgefallen, erodiert, mit Moos und/oder Flechten völlig überwachsen, die Inschriften durch die Vegetation oder Erosion nicht mehr sichtbar und nicht mehr lesbar…

Der Grabstein von Samu (Jehuda Samuel) Mayer, gestorben am 12. Mai 1888, ist eines der erschütterndsten Beispiele, wie sich der Zustand eines Grabsteins in den vergangenen 20 Jahren änderte:

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 1993

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 2016


Mit anderen Worten: Es wäre heute nicht mehr möglich, viele der Grabsteine aufgrund ihrer Inschriften korrekt zuzuordnen wie es vor knapp 20 Jahren noch – zumindest weitgehend – gelang. Ohne die o.g. Printpublikation wäre diese digitale Edition wesentlich bruchstückhafter. Sind es wirklich nur aggressive Umwelteinflüsse? Wir vermuten, dass bei diversen Um- und -Bauarbeiten rund um den Friedhof nicht immer die nötige Sorgfalt und der nötige Respekt vor der Würde der Toten waltete. Ausdrücklich ausnehmen von jeglichem Verdacht der Sorglosigkeit möchten wir die Pflegearbeiten der Stadtgemeinde Eisenstadt, die mit uns immer in bestem Einvernehmen akkordiert sind.
Es ist uns nicht nur ein Rätsel, sondern wir finden es mehr als verantwortungslos, dass etwa Grabsteine, die vom Sockel abgebrochen sind, ganz offenbar mit technischen Hilfsmitteln mehrfach übereinander geschlichtet werden, wodurch insbesondere die Inschriften extrem leiden, abgesehen davon, dass sie in diesem Zustand gar nicht zu sehen sind (s. u. bes. Bild 3).

Die Statistik spricht eine leider sehr deutliche Sprache: Von 283 Grabsteinen, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts allesamt standen und deren Inschriften fast durchwegs sehr gut oder leidlich gut lesbar waren,

  • liegen heute (Stand Winter 2016/2017) 44 Grabsteine am Boden und sind zum Teil tief in die Erde eingesunken
  • 14 Grabsteine sind zerbrochen und
  • weitere 15 Grabsteine liegen zerbrochen (oft in mehrere Teile) am Boden, zu einem guten Teil auch nicht an ihrem angestammten Platz, sondern irgendwo am Friedhof (meist entlang der Mauer oder in einer Ecke des Friedhofes)
  • Zerbrochener Grabstein Moritz Bondi
  • Zerbrochener Grabstein Benjamin Deutsch
  • Grabsteine Benjamin Deutsch, Anna Szemere und Moritz Fraenkl und Aron Fuerst - wer hat diese Grabsteine - jeder mehrere 100kg schwer - übereinander gelegt?
  • Grabstein Abgebrochene und liegende Grabsteine Amalia Flaschner und Mose Ehrlich
  • Liegende Grabsteine Karoline und Alexander Hess
  • An der Mauer liegende Grabsteine
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine
  • Zerbrochener Grabstein Anna Szemere
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine



Selbstverständlich versuchen wir in den nächsten Monaten alle Teile der zerbrochenen Grabsteine zusammenzuführen und sie an ihren ursprünglichen Standort zu bringen.

Geschichte und Grundsätzliches zum Friedhof

Nachdem 1875 der ältere jüdische Friedhof voll belegt war, wurde die Anschaffung eines neuen Areals für einen Friedhof notwendig. Der Kaufvertrag für das Gebiet des jüngeren jüdischen Friedhofes datiert vom 27. August 1875. Die erste Belegung dieses Friedhofes stammt vom 19. Oktober 1875. Am Friedhofstor befindet sich die Jahreszahl 1876.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Wachstein hatte für seine Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofes auf Quellen wie etwa das „Schwarze Buch“ der Gemeinde zurückgreifen können. Heute existieren weder das Schwarze Buch der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die über ein ursprüngliches Aussehen des Friedhofes Auskunft geben könnten. Sicher lässt sich sagen, dass heute – im Gegensatz zum älteren jüdischen Friedhof – viele Grabsteine fehlen, die noch vor 1938 am Friedhof gewesen sein mussten. Feststellen lässt sich dies einerseits durch das Fehlen von Grabsteinen von Personen, die eindeutig in Eisenstadt begraben hätten werden müssen, weil wir beispielsweise durch die Matriken von ihrem Tod in Eisenstadt wissen sowie durch das Vorhandensein von Sockeln am Friedhof, die auf einstige Gräber hinweisen.

Mit Abschluss des Projekts werden wir auch eine Liste aller auf dem jüngeren jüdischen Friedhof Begrabenen publizieren, also auch jener Verstorbenen, deren Gräber heute nicht mehr existieren.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


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„Im Namen des deutschen Volkes“

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017

Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat).
Der jüdische Kaufmann Leo Schloss konnte mit seiner Familie nach Südamerika fliehen, die Nachfahren leben heute in Chile.

Hofstattgasse 7, Wien XVIII

Hofstattgasse 7, Wien XVIII, Quelle: initiative-denkmalschutz.at


  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 1

    Seite 1

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 2

    Seite 2

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 3

    Seite 3

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 4

    Seite 4


Transkription

Im Namen des deutschen Volkes!

Das Amtsgericht Döbling hat durch den Bezirksrichter Dr. Lutz als Richter in der Rechtssache der

klagenden Partei: Hermine Hawlik, Private, Wien 18., Hofstattgasse 7,
wider die
beklagte Partei: Leo Schloß, Kaufmann, Wien 18., Hofstattgasse 7

wegen Aufkündigung zu Recht erkannt:

Die hg. Aufkündigung K 1464/38 wird für rechtswirksam erklärt und ist die beklagte Partei schuldig, die im Hause Wien 18., Hofstattgasse 7 gemietete Wohnung Nr. 9 zum Novembertermin (1938) der klagenden Partei bei Zwangsfolge geräumt zu übergeben. Ein Kostenausspruch entfällt.

Entscheidungsgründe:

Unter Hinweis darauf, dass der Beklagte Jude (Nichtarier) sei, erfolgte die gegenständliche Aufkündigung, gegen welche Einwendungen dahin erhoben wurden, dass die Wohnung dem Mietengesetz unterliege, Beklagter keinerlei Anstand gehabt oder gegeben hätte und das Zusammenwohnen niemandem verleidet worden sei. Im übrigen könne Beklagter sich eine andere Wohnung nicht verschaffen.

Die Klägerin verwies auf die Abhängigkeit einer Vermietung dieser Wohnung von der Erledigung dieses Rechtsstreites, während Beklagter zugab, Jude zu sein, sich derzeit mit der Auswanderung im allgemeinen befasst zu haben, welcher jedoch Formalitäten unbekannter Dauer entgegenstünden.

Das Gericht gelangte auf Grund nachstehender Erwägungen zur Stattgebung der Kündigung. Die Kündigungsgründe nach dem Mietengesetz sind nicht erschöpfend aufgezählt. Gemäß § 19, Abs. 1, MG. kann aus wichtigen Gründen der Mietvertrag gekündigt werden. In diesem Zusammenhang führt schon der Kommentar Swoboda zu dieser Gesetzesstelle aus, dass die Anerkennung eines besonderen Kündigungsgrundes dann erleichtert sei, wenn die Frage bejaht werden könne, dass die Zulässigkeit der Aufkündigung auch im öffentlichen Interesse gelegen sei (S. 208).
Dieses ist aus mehrfachen Gründen der Fall. Zunächst ist der dringende Wohnbedarf von Wohnungen für Volksgenossen gerichtsbekannt; das Gesetz ist nicht um seiner selbst willen da, sondern zur Sicherung der Volksgemeinschaft, der zu ihrem Schutze erforderlichen Lebensnotwendigkeiten des Volkes, welche in den Mittelpunkt des Rechtsdienstes gestellt werden. An der Spitze einer solchen Wertordnung steht über dem einzelnen Menschen das Volk und dessen Lebensnotwendigkeiten, insbesondere gegenständlich der Wohnbedarf und seine Befriedigung, welche eine der wichtigsten Voraussetzungen des gegenwärtigen und künftigen Gedeihens des Volkes bildet. Insolange Volksgenossen unter grosser Wohnungsnot leiden und hiedurch die Lebensgrundlage des Volkes wesentlich beeinträchtigt werden, muss der Kündigung wie vorliegend schon aus diesem Grunde ein wichtiges öffentliches Interesse zuerkannt werden (Sicherung und Neubildung deutschen Familienlebens).

Sieht man von dieser materiellen Seite jedoch ab, so muss auf Grund nachstehender grundsätzlicher Erwägungen die Wichtigkeit der vorliegenden Kündigung anerkannt werden: nach dem nationalsozialistischen Umsturz strebt die Staatsführung eine reinliche und durchgreifende Scheidung zwischen Volksgenossen deutschen oder artverwandten Blutes einerseits und den Angehörigen jüdischen Blutes andererseits an. Dass ein Jude nicht Volksgenosse sein kann, vielmehr aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen ist, liegt in der Natur der Sache begründet und ist im Reichsbürgergesetz vom 15. 9. 1935 verankert, welches nunmehr auch auf das Land Österreich Anwendung zu finden hat. In einer Reihe besonderer gesetzlicher Bestimmungen wird dahin Sorge getragen, dass die Angehörigen des jüdischen Volkes von jenen des deutschen Volkes abgesondert werden, indem das jüdische Volk in seine eigenen Lebensbezirke verwiesen und ihm die bisherigen Möglichkeiten enger und engster Beziehungen und Verbindungen mit dem deutschen Volke genommen werden. Es soll in alle Zukunft das jüdische Gastvolk in politisch kultureller und biologischer Beziehung vom deutschen Volk getrennt und geschieden werden. Der Grundsatz, dass zwischen Juden und Deutschen keine wie immer geartete Gemeinschaft, und zwar weder eine Volksgemeinschaft noch Haus- oder Gastgemeinschaft bestehen dürfe, ist im politischen wie sonstigen Leben des deutschen Volkes führend geworden, weshalb dem einzelnen Hauseigentümer in Beobachtung dieser Grundsätze ein weiteres Belassen eines jüdischen Mieters nicht zugemutet werden kann, wenn, wie hinzu kommt, die Wohnung für Angehörige deutschen oder artverwandten Blutes dringlich benötigt wird. Hierin liegt nicht der Kündigungsgrund des § 19/2,Pkt. 3, MG., sondern ein solcher eigener Art, erwachsen aus der öffentlich geforderten Trennung der bisher vermengten Volksangehörigen in allen Belangen des Lebens.

Dieser Umstand kommt jedoch einem wichtigen Grunde im Sinne des § 19/1 MG. gleich, weshalb wie oben zu entscheiden war.
Da Kosten nicht verzeichnet wurden, entfiel ein Ausspruch darüber.

Amtsgericht Döbling, Abt. 4
Wien, am 9.9. 1938.

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